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Tag 2 – Wie war’s?

Wo sich am Montag noch lange Menschenschlangen im Eingangsbereich wanden, spazierten die FISM-Teilnehmer gestern mit fröhlichem Schritt und übermüdetem Gesicht ins Pala Congressi. Die erhitzten Gemüter haben sich auf Normaltemperatur eingependelt. Am zweiten Tag hat man die Orientierung im Kongressgebäude gewonnen, weiß, wann es wo hingeht, wenn man die Qual der Auswahl aus dem umfangreichen Programmangebot getroffen hat. Die meisten strömen zu den Bühnenwettbewerben, lassen sich mehr oder weniger gut unterhalten und erwarten mit Spannung den Gesamtsieger des letzten Jahres, Yann Frisch.

Yann Frisch – Bilder für die Ewigkeit

Seine Performance ist verstörend großartig. Sie beginnt genau dort, wo er vor drei Jahren aufgehört und den Gesamtsieg der FISM 2012 mit nach Hause genommen hat. Am Tisch sitzend, vor ihm eine silberne Tasse und ein roter Ball. Dann fällt das Licht aus, einmal, zweimal, immer wieder. Was uns am Anfang fast in Schockstarre versetzt, entpuppt sich als bewusste Inszenierung dieses außergewöhnlichen Künstlers. Nach jedem Lichtausfall sehen wir ein neues Bild. Und genau das ist es, was Yann Frischs Performance so stark macht und was große Zauberkunst ausmacht: Er schafft Bilder, die wir nicht mehr vergessen möchten. Etwa, wenn er aus dem Nichts Bälle produziert und sie in Zeitlupe schweben lässt. Yann Frisch erinnert an die Paarung von Genie und Wahnsinn eines Jack Nicholson in „Einer flog übers Kuckucksnest“. Die Zauberzunft braucht Künstler von solch schrägem Kaliber, die komplett aus dem Rahmen fallen und Grenzen sprengen. Dennoch: In den Gesprächen danach sind die Meinungen gespalten. Nicht jeder kann sich mit der unkonventionellen Art von Yann Frisch anfreunden. Ich drücke die Daumen, dass er gewinnt. Zu gerne möchte ich diese Nummer noch einmal sehen, um neue Fragmente seiner Bildsprache zu entdecken.

Seminare

So merkwürdig es klingt, aber ich freue mich auf Donnerstag, wenn die Close Up Wettbewerbe vorbei sind, um mit Ruhe einige Seminare zu genießen. Heute schaffe ich es immerhin zu Finn Jon, der uns wunderbar sympathisch auf einen Streifzug durch seine unzähligen Ideen mitnimmt. Statt komplette Routinen vorzuführen und zu erklären, füllt er den Tisch mit einem Sammelsurium an Requisiten, greift nacheinander einige heraus und zeigt, wie man sie zweckentfremden kann, um schöne Effekte zu erzeugen. Danach geht man mit ganz anderem Gefühl über die Händlermesse.

Luis de Matos hält ein Seminar über seine „Floating Ball“ Routine. Dazu hat er das Modell mitgebracht, mit dem er die Tricktechnik auch auf seiner DVD erklärt. Der Saal ist rappelvoll, was ich eher auf den hohen Sympathiewert von Luis de Matos als auf die schwebende Kugel zurückführe. Ich bin gespannt, ob ich dieses komplexe Kunstwerk jemals auf einer Bühne erleben werde.

Rob Zabrecky hatte ich mir als Enfant Terrible vorgestellt. Vielleicht ist er das auf der Bühne auch. Im Seminar gibt er sich hingegen sehr moderat und streift oberflächlich einige grundsätzliche theoretischen Aspekte, die ein Zauberer verinnerlicht haben sollte. Sehr sympathisch, aber nichts, was man nicht schon anderswo gehört oder gelesen hätte.

Paul Daniels

Am Nachmittag war Tea Time mit Luis de Matos und Paul Daniels, wobei sich der charmante Moderator entspannt zurücklehnen konnte. Auch hier gibt es keine freien Plätze mehr. Daniels genügen Stichworte, um daraus eine Stand Up Comedy Nummer zu machen. Etwa, wenn er, der von der Straße kam, erzählt, wie er unverhofft zu einem Hubschrauberflug Ihrer Majestät kam und anschließend in einer Limousine der Queen zu seinem Auftritt chauffiert wurde. Großartig auch seine Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Ali Bongo bei diversen Fernsehproduktionen. Bei allen Gags und Lachern gibt er uns eine Reihe an Tipps mit auf dem Weg. Die Stunde vergeht zu schnell; eine willkommene Abwechslung zu den tricklastigen Seminaren. Und ich weiß, was ich als nächstes lesen werde: Paul Daniels Biografie, die seit geraumer Zeit in meinem Bücherregal steht.

Magic Mentors

Die erste Abendgala der FISM spielt auf hohem Niveau und lässt die Pannen der Eröffnungsshow vergessen; welch ein Glück! Topas moderiert charmant und entspannt, im spontanen Duett mit Lu Chen entsteht große Situationskomik. Überhaupt beeindruckt Lu Chen durch seine souveräne Art zu moderieren und einem brillanten Gespür für Komik, wenn er Dantes Fehltritt vom Vortag auf die Schippe nimmt, indem er ankündigt, den nächsten Künstler in 145 verschiedenen chinesischen Sprachen anzumoderieren. Im Original war es Otto Wessely, der spontan auf die Bühne sprang, um dem Unheil ein Ende zu setzen. Diesmal übernimmt Domenico Dante selbst den Part. Das zeugt von wahrer Größe. Dante hat die Herzen der FISM-Teilnehmer zurückerobert. Der Saal tobt. Juliana Chen manipuliert Karten auf Weltklasseniveau, Raymond Crowe tanzt mit einem schwebenden Zuschauerjacket; Marco Zoppi inszeniert eine aufwändige Seifenblasenshow mit prächtigen Bildern. Gaetan Bloom ist brillant wie immer. So macht FISM Spaß!

Einzig James More ist mit seiner selbstgefälligen, blutarmen Großillusionsshow Fehl am Platz. Aber vielleicht sollte der ohrenbetäubende Lärm uns auf den nächsten Event einstimmen:

The Great JABBA Extreme Freak Show

Nach Mitternacht amüsieren wir uns über Frauen, die ihren Keuschheitsgürtel wegflexen, den starken Mann, den sieben Zuschauer nicht zu Boden kriegen, einen Lasso-Artisten, einen Messerwerfer und über eine Ratte, die in einem Häcksler geschreddert wird.

Auf dem Weg in die schwüle Nacht nehmen wir das Gejohle der Menschentrauben rund um die Close-Up Tische von Juan Tamariz und Paul Wilson im Foyer wahr. Auch der zweite Tag endet, als der dritte schon begonnen hat.